Kritiken zu America First

© Thomas M. Jauk
© Thomas M. Jauk

Make Musical great again

(...) Roman Majewski (...) besingt ahnungsvoll den "River of no return". Der Hit aus dem Erfolgsjahren der Monroe kontrastiert hervorragende mit dem anschließenden Monolog der Einsamkeit. Fornell hat hier einen ihre eindrucksvollsten Momenten.
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Ohne Frage ruft Angelika Fornell in dieser Aufführung ihr gesamtes Potential ab. Hoffnung, Liebe, Verzweifelung, Trotz und Depression. Sie bringt alles gleichermaßen auf die die Bühne. Gekonnt ahmt sie die Gestik der der Monroe nach, diese ständig jungmädchenhaft abgespreizten und verwinkelten Arme. Damit ist Fornell einer der Gründe, warum diese Inszenierung durchweg gelungen ist.

Mit der Stimme nährt sie immer wieder die Hoffnung der Monroe auf die Anerkennung als ernsthafte Schauspielerin anerkannt und zu werden. Genauso deutlich macht sie, warum dieses Ansinnen zum Scheitern verurteil war. In 29 abendfüllenden Filmen hat sie mitgewirkt und zehnmal die Hauptrolle gespielt. Aber nur mit "Misfits" ist ihre Filmkunst gelungen, doch der Film kam 10 Jahre zu früh für das Publikum und zu spät für die Monroe. Im Grunde hat sie sich selbst gespielt und das war gar nicht gut.

Thomas Kügler in Der Kritiker 10.12. 2017

 


Assoziativ spekulierende dramatische Chronik

O welch ein edler Geist ist hier zerstört, weg, weg damit… Das also ist aus der gefeierten Filmikone Marilyn Monroe geworden. Eine Frau, die sich in Shakespeares „Ophelia“ und ihrem tragischen Abgesang spiegelt, den Zügen blühender Jugend, durch Schwärmerei zerrüttet… Von wegen. Gleich wird Angelika Formell auf der Bühne des Deutschen Theaters wieder mit diesem hinreißend kapriziösen Lächeln posieren und jede Geste auf ihre Wirkung abstimmen. So wie auch ihre Marilyn die Erwartungen Hollywoods zu berechnen und für sich zu perfektionieren gedachte, um trotz des Erfolges daran vor allem innerlich zu Grunde zu gehen.

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Bühnenbildner Florian Barth hat dieser ebenso kämpferischen wie zerbrechlichen Gestalt, die im roten oversized Sweatshirt und Nylons immer wieder Posen und Haltungen sondiert und verwirft, einen wunderbar assoziativen Showroom entworfen. Es ist ein Schlafzimmer mit einem riesigen rosa Rüschenbett und Blümchentapete, das sich als intimer Rückzugsort mit öffentlichen und privaten Erinnerungen, Zeitstimmungen und Spekulationen auflädt. Der Raum dahinter ist genau so gestaltet. Nur dass hier keine Filmszenen eingeblendet werden und keine Fotomotive, in denen die Aufnahmen von M.M. und die von Angelika Fornell kaum zu unterscheiden sind, so sehr wie die Schauspielerin auch vor der Kamera mit der Mimik und den Attitüden der Hollywoodikone zu verschmelzen scheint. Hier erzählt vor allem eine Projektion, was auch diese Bilder offensiv ummanteln. Mit dem Gemälde Edward Hoppers und einer einsamen Frauengestalt, die durch das Fenster in die offene Weite blickt und sich wieder dem Showparkett stellt und auch einer musikalischen Sentimental Journey.

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„America first“ erinnert an ein Vexierbild, wo sich mit jeder Bewegung die Details neuformieren und die Gedankenbilder, wo sich die Eindrücke ständig überlagern und dabei auch verwirren dürfen. Sie müssen auch nicht alle unmittelbar entschlüsselt werden, weil Stück und Inszenierung Echoräume für Imagination und Diskurs bilden, die nachwirken und an diesem grandiosen Theaterabend schon ganz unmittelbar einfach begeistern.

von Tina Fibiger

Kulturbüro Göttingen 06.12.2017


Zerbrochen am Marktwert

(...) Das grandiose Bühnenbild (Florian Barth) mit Blümchentapete im Laura-Ashley-Stil, einem Fenster zum Hof sowie Video-Einspielungen mit Szenen aus Marilyn Monroes Filmen führte zurück in die 50er. Damals begann die dunkelhaarige, als Norma Jeane Dougherty 1926 geborene, kurvige Schönheit ihre Weltkarriere, wurde Kunstprodukt, verlor sich selbst. Auf der Bühne erschienen zwei Versionen der Sex-Ikone, die junge Marilyn in weißen Bügelfalten-Shorts (Gaia Vogel) sowie die ältere im knappen roten Kleid. Das gleichzeitige Agieren der beiden Monroe-Exemplare stellte das Jetzt und Früher nebeneinander, wurde darüber hinaus zum Wechselspiel des kaputten Selbst der verzweifelten Marilyn. Komplizierte Rückblenden brauchte das Stück nicht. Obwohl sich Episode an Episode reihte, entstand Vielschichtigkeit.

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Als frühe Inkarnation des Begriffs „America First“ erzählte Marilyn vom Flug der Kraniche, davon, dass nun jeder wisse, „was die Wahrheit ist“. Standing Ovations für die famose Inszenierung, das tolle Stück, das engagierte Ensemble, besonders für Angelika Fornell als Marilyn.

Von Gesa Esterer

HNA 03.12.2017